Nach über 25 Jahren Verhandlungen hat Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Ländern in Paraguay unterzeichnet. Damit entsteht eine der größten Freihandelszonen der Welt: Die beteiligten Staaten haben zusammen rund 700 Millionen Einwohner und machen ein Fünftel der Weltwirtschaft aus.
Die Bedeutung dieser Partnerschaft sollte nicht unterschätzt werden. Die Unterzeichnung setzt ein starkes und äußerst positives Signal für den Multilateralismus in Zeiten, die von Protektionismus geprägt sind. Die deutsche Regierung unterstützt das Projekt damit auf die bestmögliche Weise. Die Vorteile für die Partner auf beiden Seiten des Atlantiks liegen klar auf der Hand – wirtschaftlich, nachhaltig und politisch.
Vorteile: Ein Erfolg aus allen Perspektiven
1. Wirtschaft
Das Mercosur-Abkommen erleichtert den Handel – das zeigt schon sein Name: „Freihandelsabkommen“. Laut dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) können Unternehmen dadurch jährlich rund 4 Milliarden Euro an Zollkosten einsparen. Außerdem verbessert das Abkommen die Investitionsbedingungen, erleichtert den Zugang zu wichtigen Rohstoffen wie Lithium und Kupfer und öffnet neue Märkte. Kurz gesagt: ein starker wirtschaftlicher Impuls.
2. Nachhaltigkeit
Die Umwelt- und Sozialstandards Europas könnten durch das Mercosur-Abkommen zu einem interessanten Exportgut werden, von dem auch die
Menschen in Südamerika profitieren könnten – vorausgesetzt, ihre Umsetzung im Rahmen eines gemeinsamen politischen Dialogs verhandelt wird. Vorsicht ist geboten: Das Abkommen bringt den Bürgern der Mercosur-Länder nur dann Vorteile, wenn sie nicht gleichzeitig die übermäßige bürokratische Last der EU-Nachhaltigkeitsvorgaben übernehmen müssen.
3. Politik
Seit Jahren verliert Europa als Akteur auf der globalen Bühne an Einfluss. Das Mercosur-Abkommen ist ein Leuchtturm, der zeigt: Die EU ist in der Lage, nachhaltige geostrategische Verbindungen in einer Welt zu schaffen, in der die USA, Russland und China um politische Einflusszonen konkurrieren. Weitere Initiativen, die Europa mit den aufstrebenden Ländern des Globalen Südens – wie Indien, Indonesien und die Vereinigten Arabischen Emiraten – näher zusammenbringen sind wünschenswert.
Konzeption: Die EU darf ihre Fehler nicht wiederholen
Das Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Ländern ist unterzeichnet. Bedeutet das, dass nun alles reibungslos läuft? Nicht unbedingt. Der langfristige Erfolg dieser Partnerschaft hängt davon ab, ob Europa aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat.
Vor fünf Jahren stellte die EU die Initiative „Global Gateway“ vor. Sie sollte Europa enger mit neu industrialisierten und Entwicklungsländern vernetzen. Doch die Ambitionen blieben größtenteils auf dem Papier.
Warum das Projekt scheiterte: Die EU-Konnektivitätsstrategie kam im Vergleich zu Initiativen der USA und Chinas zu spät. Zudem war sie unterfinanziert und bürokratisch. Ein entscheidender Faktor: „Global Gateway“ wurde nicht auf Augenhöhe mit den potenziellen Partnerländern entwickelt. Brücken baut man nicht, indem man mit dem Finger zeigt.
Damit ein Vertrag zu einer echten Partnerschaft wird, müssen alle Beteiligten profitieren – sowohl in Europa als auch in Südamerika. Alles andere würde die frisch geknüpfte Verbindung frühzeitig scheitern lassen. Denn: Die Mercosur-Länder und der Globale Süden insgesamt hatten noch nie so gute Chancen wie jetzt, die Geopolitik und Geowirtschaft zu ihren Gunsten mitzugestalten. Wir können sicher sein, dass sie diese Chancen nutzen werden.
Über den Autor
Der Artikel ist von Oliver Hermes, Präsident und CEO Global der Wilo Group sowie Vorsitzender des Kuratoriums der Wilo-Foundation, verfasst. Außerdem ist er Honorarkonsul der Republik Kasachstan in Nordrhein-Westfalen.
Hermes ist zudem Mitglied strategischer Gremien und Verbände, die sich mit Wirtschaftspolitik und internationaler Zusammenarbeit befassen, darunter der Nah- und Mittelost-Verein e.V. (NUMOV), die Stiftung Familienunternehmen, der Afrika-Verein der Deutschen Wirtschaft e.V. und SAFRI. Neben seiner operativen Tätigkeit ist er Essayist und veröffentlicht regelmäßig Beiträge in unabhängigen Medien