Brasilien gehört zu den Ländern mit dem saubersten Energiemix und bezieht einen großen Teil seines Stroms aus erneuerbaren Energiequellen. Mit seiner grünen Transformation von Energie und Industrie ist das südamerikanische Land vielen anderen voraus. Längst dreht sich der Markt dort nicht mehr um die Frage, wie eine grüne Energieversorgung aufgebaut werden kann, sondern wie das bereits geschaffene Netzwerk Erneuerbarer Energien in weitere Wirtschaftsbereiche integriert wird. Wir haben Baden-Württembergs Innovationsscout in Brasilien Andreas Olpp nach den Marktchancen für südwestdeutsche Unternehmen gefragt.
Was zeichnet Brasiliens Markt für Erneuerbare Energien aus?
Andreas Olpp: Im Jahr 2025 stammten nach Angaben des staatlichen Energieforschungsunternehmens EPE 49,5 Prozent der brasilianischen Energiematrix aus erneuerbaren Quellen; im Stromsektor lag ihr Anteil bei 86,8 Prozent. Damit verfügt Brasilien über eine der saubersten Strommatrizen unter den großen Volkswirtschaften und führte laut dem Global Electricity Review 2026 von Ember weiterhin die G20 deutlich vor Kanada (64 Prozent) an. Diese Ausgangslage ist besonders relevant, weil Brasilien zugleich zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt und den bedeutendsten Energie- und Industriemärkten Lateinamerikas gehört.
Welche Arten Erneuerbarer Energien werden in Brasilien vor allem genutzt?
Die Stärke des brasilianischen Energiesystems liegt in der Kombination verschiedener erneuerbarer Quellen. Wasserkraft bleibt das Rückgrat: 2025 waren nach EPE-Angaben 110,2 GW installiert, und sie stellte 51,7 Prozent der Stromerzeugung bereit. Zugleich diversifiziert sich der Energiemix. Wind- und Solarenergie erreichten zusammen bereits 26,4 Prozent der Stromerzeugung. Die installierte Windleistung stieg 2025 um 17,5 Prozent auf 34,7 GW, die Photovoltaikleistung sogar um 33,7 Prozent auf 64,8 GW. Besonders der Nordosten, etwa Rio Grande do Norte, Bahia, Ceará und Piauí bietet sehr gute Wind- und Solarbedingungen. Parallel wächst die dezentrale Stromerzeugung: Die dezentrale Mikro- und Kleinerzeugung (MMGD) erreichte 2025 rund 45 GW und 7,2 Mio. angeschlossene Verbraucher, fast vollständig auf Basis von Photovoltaik.
Mit diesem Ausbau wetterabhängiger Erzeugung gewinnt Energiespeicherung strategisch an Bedeutung. Die brasilianische Stromregulierungsbehörde ANEEL bereitet für den 2. und 4. Dezember 2026 die ersten brasilianischen Auktionen für großskalige Batteriespeicher vor. Vorgesehen sind eigenständige Systeme mit mindestens 30 MW Leistung und vier Stunden Entladedauer; die Verträge laufen über 15 Jahre ab August 2028. Damit entsteht ein neuer Markt für Speichertechnologien, die Überschüsse aufnehmen, Lastspitzen abdecken und Netzflexibilität sowie -stabilität verbessern.
Als weltweit größter Zuckerrohrproduzent und zweitgrößter Ethanolproduzent verfügt Brasilien neben Wind und Solar auch über eine international bedeutende Bioenergiebasis. 2025 erreichte die Bioelektrizität nach EPE-Angaben mit 66,1 TWh einen Rekordwert und deckte 8,5 Prozent der Stromerzeugung. 60,9 Prozent davon stammten aus Zuckerrohrbagasse – ein Nebenprodukt der Zuckerrohrproduktion, das energetisch genutzt werden kann. In der Erntesaison 2024/2025 wurden laut der staatlichen Versorgungsgesellschaft CONAB 676,96 Mio. Tonnen Zuckerrohr produziert.
Auf dieser Agrar- und Bioenergiebasis entwickelt sich zugleich ein Markt für Sustainable Aviation Fuel (SAF). Das sogenannte „Kraftstoff der Zukunft“-Gesetz (Nr. 14.993/2024) schuf das nationale SAF-Programm ProBioQAV und verpflichtet Fluggesellschaften, die Treibhausgasemissionen ihrer Inlandsflüge ab 2027 zunächst um mindestens ein Prozent zu reduzieren; die Vorgabe steigt schrittweise auf zehn Prozent ab 2037. Ein Beschluss (Dekret Nr. 13.094/2026) konkretisiert seit August 2026 Produktion, Nachhaltigkeitszertifizierung, Rückverfolgbarkeit sowie Vermarktung und schafft damit einen verlässlicheren Rahmen für eine brasilianische SAF-Wertschöpfungskette.
Biogas und Biomethan sind ein weiteres strategisches Zukunftsfeld. Aufgrund der starken Agrar- und Lebensmittelindustrie verfügt Brasilien laut dem brasilianischen Biogasverband ABiogás über ein theoretisches Biomethanpotenzial von rund 120 Mio. m³ pro Tag, insbesondere aus Landwirtschaft und Tierhaltung, Zucker- und Ethanolindustrie, Lebensmittelindustrie, Kläranlagen und Deponien. Dem stehen für 2025 rund 1,06 Mio. m³ tägliche Biomethanproduktion gegenüber. Das Potenzial soll aber weiter ausgeschöpft werden: Im August 2026 waren bereits 21 Anlagen für die Vermarktung zugelassen und weitere 48 im Genehmigungsverfahren. Daraus ergibt sich erheblicher Marktbedarf bei Biogaserzeugung, Gasaufbereitung, Methanisierung und der Nutzung organischer Reststoffe.
Auch beim Wasserstoff wurde der regulatorische Rahmen durch neue Gesetze deutlich konkretisiert. So wurde ein Rechtsrahmen für kohlenstoffarmen Wasserstoff geschaffen, der das brasilianische Wasserstoff-Zertifizierungssystem (SBCH₂), Sonderförderregime Rehidro (Gesetz Nr. 14.948/2024) sowie das Entwicklungsprogramm für kohlenstoffarmen Wasserstoff (PHBC) (Gesetz Nr. 14.990/2024) einschließt. Hierfür stehen zwischen 2030 und 2034 Steuergutschriften von insgesamt bis zu 18,3 Mrd. R$ zur Verfügung. Darüber hinaus regelt ein im August 2026 angekündigter Beschluss (Dekret Nr. 13.096) Produktionsgenehmigungen, Zertifizierung, Risikomanagement, Rehidro und das Verfahren für die PHBC-Förderung. Damit verfügt Brasilien über einen deutlich konkreteren institutionellen Rahmen für Investitionen in kohlenstoffarmen beziehungsweise erneuerbaren Wasserstoff und dessen Derivate, der eine Grundlage für den weiteren Ausbau des Bereichs bietet.
Brasilien hat damit insbesondere im Stromsektor bereits eine zentrale Phase der Energiewende vollzogen. Die nächste Entwicklungsstufe besteht weniger darin, eine erneuerbare Energieversorgung erst aufzubauen, sondern die vorhandene erneuerbare Plattform durch Speicher, Bioenergie, SAF, Wasserstoff, Kreislaufwirtschaft und neue industrielle Anwendungen gezielt für die Dekarbonisierung weiterer Wirtschaftsbereiche zu nutzen.
Wie wirkt sich die Kreislaufwirtschaft auf Brasiliens grünen Wandel aus?
In Brasilien gewinnen auch die Kreislaufwirtschaft und Recycling an Bedeutung. Das Land erzeugt jährlich rund 80 Mio. Tonnen Siedlungsabfälle und weist weiterhin Investitionsbedarf bei Sammlung, Sortierung, Recycling und energetischer Verwertung auf. Das nationale Abfallgesetz (Gesetz Nr. 12.305/2010) bildet den Rechtsrahmen für Recycling, Rücknahmesysteme und erweiterte Herstellerverantwortung. Zudem führte die Regierung ein nationales Rücknahmesystem für Kunststoffverpackungen ein (Dekret Nr. 12.688/2025): Für 2026 gilt eine Rückgewinnungsquote von 32 Prozent sowie ein Mindestanteil von 22 Prozent recyceltem Kunststoff in neuen Verpackungen. Dadurch entstehen zusätzliche Wertschöpfungsketten für Waste-to-Energy, Recyclingtechnologien, digitale Abfallmanagementsysteme und die energetische Nutzung organischer Reststoffe.
Welche Geschäftschancen eröffnen sich für baden-württembergische Unternehmen im Bereich Erneuerbare Energien in Brasilien?
Die weitere Entwicklung des brasilianischen Energiesystems eröffnet Unternehmen aus Baden-Württemberg vielfältige Geschäftschancen. Im Mittelpunkt steht zunehmend nicht nur der Ausbau einzelner erneuerbarer Quellen, sondern deren Integration in Netze und Industrie sowie die Dekarbonisierung von Wertschöpfungsketten. 2025 verfügte Brasilien über 261 GW installierte Stromerzeugungskapazität. Der vom brasilianischen Ministerium für Bergbau und Energie (MME) und dem staatlichen Energieforschungsunternehmen EPE erarbeitete Zehnjahresplan für den Energieausbau 2035 (PDE 2035) veranschlagt bis 2035 rund 596 Mrd. R$ Investitionen im Stromsektor, davon 374 Mrd. R$ in zentrale Erzeugung, 106 Mrd. R$ in dezentrale Erzeugung und 117 Mrd. R$ in die Übertragung. Für baden-württembergische Unternehmen mit Kompetenzen in Maschinenbau, Automatisierung, Digitalisierung, Energieeffizienz und Umwelttechnik entsteht damit ein breites Betätigungsfeld.
Besonders relevant ist die Integration des schnell wachsenden Wind- und Solarstroms. Dadurch steigt der Bedarf an Netzstabilität, Energiemanagement, Speichertechnologien und digitalen Steuerungssystemen. Der PDE 2035 sieht indikativ 6.631 MW neue Speicherkapazität und 28.781 km zusätzliche Übertragungsleitungen vor. Parallel wurden bis 2030 rund 130 Mrd. R$ für die Modernisierung der Stromverteilung angekündigt. Mit den für Dezember 2026 geplanten ersten brasilianischen Auktionen für großskalige Batteriespeicher entsteht zudem erstmals ein konkreter Beschaffungsmarkt. Chancen ergeben sich insbesondere bei Automatisierung, Leistungselektronik, Mess- und Regeltechnik, intelligenten Netzen, Speichersystemen und industriellem Energiemanagement.
Ein weiteres bedeutendes Potenzial liegt in der Dekarbonisierung der brasilianischen Industrie. Chemie, Metallurgie, Bergbau, Zement, Lebensmittelindustrie und Automobilwirtschaft müssen Produktionsprozesse energieeffizienter sowie emissionsärmer gestalten und zugleich steigende Anforderungen globaler Lieferketten erfüllen. Für Technologieanbieter aus Baden-Württemberg entstehen daraus Chancen bei industrieller Energieeffizienz, Prozessoptimierung, Abwärmenutzung, Elektrifizierung von Produktionsprozessen sowie digitalen Lösungen zur Messung und Reduzierung von Emissionen.
Ein strategisches Zukunftsfeld ist zudem grüner bzw. kohlenstoffarmer Wasserstoff und Power-to-X. Der 2026 konkretisierte Rechtsrahmen schafft zusätzliche Investitionssicherheit; das Entwicklungsprogramm für kohlenstoffarmen Wasserstoff (PHBC) sieht zwischen 2030 und 2034 Steuergutschriften von insgesamt bis zu 18,3 Mrd. R$ vor. Priorisiert werden unter anderem Projekte in der Düngemittel-, Stahl-, Zement-, Chemie- und Petrochemieindustrie sowie im Schwerverkehr. Entlang der Wertschöpfungsketten für Wasserstoff, grünen Ammoniak und E-Fuels bestehen damit Chancen für Elektrolysetechnologien, Anlagenbau, Komponentenfertigung, Mess- und Regeltechnik, Automatisierung sowie die Integration neuer Energieträger in bestehende Produktionsprozesse.
Auch Bioenergie, Biogas, nachhaltige Flugkraftstoffe und Kreislaufwirtschaft bieten erhebliche Kooperationsmöglichkeiten. Der PDE 2035 erwartet bis 2035 rund 115 Mrd. R$ Investitionen im Biokraftstoffsektor, darunter 28 Mrd. R$ für nachhaltige Flugkraftstoffe (SAF) und grünen Diesel sowie 15 Mrd. R$ für Biodiesel, Biomethan und Bioenergie mit CO₂-Abscheidung und -Speicherung (BECCS). Daraus entstehen Märkte für Biogaserzeugung, Gasaufbereitung, Anlagenoptimierung, Recycling, Waste-to-Energy sowie digitale Systeme zur Überwachung von Stoffströmen und zur effizienten Anlagensteuerung.
Baden-Württemberg verfügt in diesen Bereichen über eine starke industrielle und technologische Basis. Besonders erfolgversprechend sind daher langfristige Technologiepartnerschaften, lokale Kooperationen und gemeinsame Innovationsprojekte mit brasilianischen Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Institutionen. Brasilien bietet damit nicht nur Absatzchancen für einzelne Energietechnologien, sondern die Möglichkeit, sich langfristig in neuen grünen Wertschöpfungsketten eines der dynamischsten Energiemärkte Lateinamerikas zu positionieren.
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